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Perspektive

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merin:
Beides, meiner Meinung nach. Aber du hast schon Recht, denke ich: Man kann ganz nah dran bleiben und trotzdem Entspannung einbauen, durch die Wahl der Szenen.


--- Zitat ---Der personale Erzähler kann nur schildern, was die Prota wahrnimmt. Der auktoriale Erzähler kann das auch, aber eben mehr, er kann kommentieren, vorwegnehmen usw.. Demnach kann eine auktoriale Erzählung personale Elemente enthalten aber nicht umgekehrt. Es sei denn, man geht in Rückblenden.
--- Ende Zitat ---

Das hab ich bislang auch immer so gedacht. Aber es stimmt meines Erachtens nicht. Es gibt kaum Bücher, die wirklich durchgängig personal erzählt sind. Natürlich ist das erstmal nur eine Behauptung von mir, aber bei den letzten Texten, die ich mit diesem Augenmerk gelesen habe, fiel mir auf, wie häufig doch eher auktoriale Einschübe vorkommen.

Juni:

--- Zitat von: kass am 20 October 2019, 08:38:13 --- Ich glaube nicht, dass das geht mit dem mehr oder weniger personal oder auktorial. Entweder personal, dann konsequent, oder halt auktorial, mit der Möglichkeit, auch in den Kopf der Prota zu tauchen.
Der personale Erzähler kann nur schildern, was die Prota wahrnimmt. Der auktoriale Erzähler kann das auch, aber eben mehr, er kann kommentieren, vorwegnehmen usw.. Demnach kann eine auktoriale Erzählung personale Elemente enthalten aber nicht umgekehrt.
--- Ende Zitat ---
Weil das so schlüssig klingt, dachte ich das auch immer, knüpfte mir gestern eins meiner Lieblingsbücher vor (Tage der Toten von Don Winslow) und fand dort zu meiner großen Überraschung das Gegenteil... Oder eigentlich sogar zu meinem Entsetzen. Ich schreibe Personal und habe immer darauf geachtet nie ins auktoriale zu rutschen, auch wenn mir das einiges vereinfachen könnte, weil ich dachte sonst eine feste Regel damit verletzen.


--- Zitat von: merin am 18 October 2019, 12:39:22 ---Wann die Distanz wie sein sollte, hängt für mich auch mit Tempo zusammen: Für meinen Geschmack sind actionreiche Szenen schneller und näher dran,
--- Ende Zitat ---
Mit näher dran meinst du, näher an den Emotionen und der Wahrnehmung des Charakters, oder? Mir fällt auf, dass ich persönlich an solchen Stellen, wenn sie länger als paar Absätze dauern, tatsächlich anfange zu überspringen oder mich zu langweilen. Sogar oder zum Teil vor allem bei actionreichen Szenen. Das sind Momente wo ich dem Autor am liebsten sagen würde: Schieb mal den Prota bei Seite, ich sehe nichts. Ist Geschmackssache.
Besondere Nähe zum Charakter bei einem typischen Handlungsaufbau finde ich nur an den 'Knackpunkten' wichtig. Also beim Anfang, dem Auslösenden Ereignis, der Situation, die zum Plotpoint führt, dann irgendwo während des Plotpoints, usw. Nachdem ich einen Charakter am Anfang der Geschichte kennengelernt habe, sind das die Momente, in denen er z.B. neue Entscheidungen aus neuen Gründen oder Erkenntnissen trifft. Da entwickelt er sich. Aber dazwischen 'kenne' ich den ja. Während der Prota also zwischen den Hauptakten 'der gleiche' ist, passieren um ihn herum noch ganz viele andere Dinge. Wie er darauf reagiert, kann ich mir ja denken; er hatte morgens nach dem Aufstehen noch keinen Grund, sich tief greifend zu verändern. Wenn ich ihm also immer nah zusehen müsste, wie er sich gewohnt verhält, klappe ich das Buch zu. Schaut der Autor an den Stellen über den Horizont des Protas, ohne den zu verlassen, bleibt es für mich spannend.

kass:
Merin:

--- Zitat ---Es gibt kaum Bücher, die wirklich durchgängig personal erzählt sind. Natürlich ist das erstmal nur eine Behauptung von mir, aber bei den letzten Texten, die ich mit diesem Augenmerk gelesen habe, fiel mir auf, wie häufig doch eher auktoriale Einschübe vorkommen.
--- Ende Zitat ---

Dem muss ich einfach widersprechen :)

Mit einer Ausnahme (Terry Pratchett) sind alle meine Lieblingsautoren durchgehend konsequent im Halten der Perspektive. Humor ist ohnehin eine Ausnahme, dafür gelten viele der üblichen Schreibregeln nicht. Aber Robert Jordan, Brandon Sanderson, Jim Butcher, Michael J. Sullivan usw. erzählen durchgängig aus den jeweiligen Figuren heraus und durchbrechen das nicht.

Nachdem ich ein paar Schreibratgeber gelesen hatte, habe ich mich ganz besonders für das Thema der Perspektive interessiert und die Aussagen aus den Ratgebern für mich persönlich überprüft. Also hab ich anschließend etwa 50 Bücher gelesen und nur darauf geachtet, wie die Autoren mit den Perspektiven umgehen, wie oft sie zwischen den Charakteren wechseln, wie viele sie verwenden usw. Dabei habe ich für mich herausgefunden, dass es mir wichtig ist, konsequent im personalen Erzähler zu bleiben, denn das gefällt mir beim Lesen eben besser.

Merin:

--- Zitat ---Wann die Distanz wie sein sollte, hängt für mich auch mit Tempo zusammen: Für meinen Geschmack sind actionreiche Szenen schneller und näher dran,
--- Ende Zitat ---

Hier verstehe ich den Zusammenhang nicht. Schnell ist nachzuvollziehen, das passt halt zu Action. Aber inwiefern das etwas mit näher dran zu tun hat, verstehe ich nicht.

Juni:

--- Zitat ---Mit näher dran meinst du, näher an den Emotionen und der Wahrnehmung des Charakters, oder? Mir fällt auf, dass ich persönlich an solchen Stellen, wenn sie länger als paar Absätze dauern, tatsächlich anfange zu überspringen oder mich zu langweilen. Sogar oder zum Teil vor allem bei actionreichen Szenen. Das sind Momente wo ich dem Autor am liebsten sagen würde: Schieb mal den Prota bei Seite, ich sehe nichts. Ist Geschmackssache.
Besondere Nähe zum Charakter bei einem typischen Handlungsaufbau finde ich nur an den 'Knackpunkten' wichtig. Also beim Anfang, dem Auslösenden Ereignis, der Situation, die zum Plotpoint führt, dann irgendwo während des Plotpoints, usw.

--- Ende Zitat ---

Auch hier verstehe ich nicht, was das mit der Perspektive zu tun hat. Meinst du hiermit ausführliche Darstellungen des Innenlebens, der Beweggründe usw.? Das ist doch ein zweites Paar Schuhe, oder? Wenn eine Actionszene mit zuviel Schilderungen, zu vielen Gedanken der Prota, zu viel Drumherum in die Länge gezogen wird, dann kann das nerven, hat aber (denke ich) zunächst nichts mit der Perspektive zu tun. Dazu wieder eine Ausnahme: die Kamera-Perspektive (ich hab vergessen, wie die noch benannt wird). In dieser Perspektive ist es nicht möglich, in den Kopf der handelnden Figuren einzusteigen, so dass die Gedanken entfallen. Aber selbst da kann man durch zu viele Schilderungen von Details unnötig in die Länge ziehen.

Vielleicht ist das alles hier zu theoretisch. Es kommt mir immer noch so vor, als würden hier Dinge durcheinander geworfen werden. Wir könnten vielleicht mal anhand einer konkreten Szene die unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, wenn ihr wollt?

LG
Kass

merin:
Konkrete Szene ist gut. Wer hat eine?

Naleesha:
Darf es auch eine Szene eines fremden Autors sein?

dann würde ich drei verschiedene Szenen vorschlagen:

a) Oliver Bowden, Assassin's Creed: Forsaken - Eine Szene aus dem Anfang des Buches

b) Andrzej Sapkowski, Das Schwert der Vorsehung - eine Szene aus den Hexer-Kurzgeschichten

c) Marion Zimmer Bradley, Luchsmond: die steile Flut - eine Szene aus meiner lieblings Kurzgeschichte.

Ich würde die betreffende Szene dann abtippen und zur Perspektivanalyse posten.
wenn es eine eigene Szene sein muss, dann könnte ich noch eine schreiben, das dauert dann aber mindestens einen Monat (weil Federtreff und Geburtstag zwischendurch noch sind.)

Ich finde den Thread übrigens großartig! Zwar kann ich nicht groß mit eigenem Wissen dienen, aber ein bisschen mitreden und lernen will ich auf jeden Fall. ^^

Liebe Grüße,
Nalee

EDIT: Ich frage halt wegen des Urheberrechts. Eine komplette Szene geht für gewöhnlich ja über das Zitatrecht hinaus, aber wenn wir die Szene zur Analyse für Perspektive und solcherlei benutzen, dürfte das durch das Urheberrecht gedeckt - also erlaubt - sein. Soweit zumindest mein Kenntnisstand.

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